Crisco Connection

Aug
05
54

Ich habe nichts gegen Schwule, einige meiner besten Freunde sind schwul. Ich hingegen vermeide einfach, und das recht erfolgreich, mit Frauen zu schlafen. Das vom Bedürfnis nach identitärer Selbstvergewisserung getriebene Bekenntnis zu Sexualpraxis und kulturellen Codes war mir – abgesehen von einer sehr kurzen, also mehrere Jahre währenden Phase der Adoleszenz - schon immer ein wenig zuwider. Nichtsdestotrotz erlag ich vor kurzem beinahe der Versuchung, mir in Form von Button oder Schleifchen die vermeintliche Peinlichkeit der eindeutigen sexuellen Präferenz an die schon länger weder gepiercte, noch glatt rasierte Brust zu heften. Der Grund: ein Überfall vermutlich türkischer Faschisten auf eine Gruppe Besucherinnen eines Kreuzberger Drag Festivals. Die queere Gemeinde empörte sich und innerhalb weniger Stunden marschierten schwangere Frauen mit Bärten neben betrunkenen Schwulen, engagierten Linken sowie Publikum und Personal der örtlichen Technodiskothek durch die Oranienstraße.

Die eindrucksvolle Manifestation szenenübergreifender Solidarität mitsamt ihrer bemüht dezent zeigefingeresken Aufgebrachtheit allerdings hinterließ auch einen schalen Beigeschmack, eine Verunsicherung, die vermutlich jede_n beschleicht, der oder die gern möglichst widerspruchsfrei durchs Leben streifen möchte. Leider lässt die Widerspruchsvielheit einer komplexen Welt dieses von Moral getriebene Bedürfnis schnell zu einem argumentativen Amoklauf werden. Kein Antidiskriminierungsgesetz, kein Toleranzdiskurs, kein Wissen um Alltagsrassismus und Migrationsgründe, keine „Mentalitäts“diskurs und keine kritische Wissenschaft schützt vor den Gedanken und Assoziationen, die entstehen, wenn plötzlich Randgruppeninteressen aufeinanderprallen und die kulturelle Hegemonie auf den Straßen durchgesetzt werden soll. Wenn queeres Engagement auf assimilationsunwilliges „Temperament“ stößt, ist schnell Essig mit Multikulti, FriedeFreudeEierkuchen und der Erkenntnis, dass es den Migranten oder die Lesbe nicht gibt. Die Kultural- und Ethnisierung gesellschaftlicher Konflikte rabimmelrabammelrabummt sich in die sonst so aufgeklärten Köpfe, Rassismus kommt plötzlich als Frauenrecht daher und die Schere im Kopf klappt schon dann zu, wenn man des nächtens lieber die Straßenseite wechselt, sobald man die medial in die Köpfe gepumpte Gefahrenprognose, die angeblich mit jungen Männern mit dunklen Haaren einhergeht, zur rationalen Begründung werden lässt.

Dass Homophobie kein zugezogenes Problem ist und auf dem platten Land rund um Berlin ebenso grassiert wie an den Berghängen Anatoliens und sich keine Dummheit mit vereinfachenden Herkunftsschemata erklären lässt, ist so wahr wie die Tatsache, dass es einfach keine Kultur gibt, zu der „so was“ angeblich gehört. Und so sollten wir alle mal unsere Zuschreibungen überdenken, die Grenze des eigenen Tellerrands überwinden und nicht nur einem selbst, sondern auch allen anderen das Recht zugestehen, stolz zu sein auf das, was man ist, was man sein möchte oder was man sein wird.

(Veröffentlicht im Berghain-Flyer 08/08)