Crisco Connection

May
13
4



Eigentlich sollte HATE bereits am Freitag erscheinen und auf der Release-Party im Scala ausliegen. Die Arbeitsmoral eines ostdeutschen Druckereibetriebs allerdings machte den Veranstaltern einen Strich durch die Rechnung. Jetzt allerdings liegt das Heft vor und eine Liste der Auslageorte wird in diesen Tagen online nachzulesen sein. Mit dabei auch eine weitere Episode aus der wilden Jugend der Keta Minelli.


Meine wilde Jugend.

Der Berliner Hausprojektebezirk Friedrichshain war noch ein Dorf, und wie das bei Dörfern nun mal so ist, wird das Fremde und Neue erst einmal als störend wahrgenommen. So erging es irgendwann in den 90er Jahren auch einer belesenen und schon allein daher der Konterrevolution verdächtigen Gruppe engagierter Infoladenladenbetreiber in einer momentan wohl akut von der Räumung durch das Schweinesystem bedrohten Infoumschlagstelle. Ketzerisch setzten sich die schnell als intellektuell Verschrieenen mit althergebrachten Traditionen und Gewissheiten der mal wütenden, mal traurigen, immer widerständigen autonomen Glaubensgemeinschaft auseinander, kritisierte die Unantastbarkeit zu Dogmen geronnener sexualmoralischer Irrwege und nahm dafür Ärger, Zensur, Missachtung, aber auch akademische Weihen entgegen. Es kam wie es kommen musste – das Ladenkollektiv stritt, man warf sich verbal allerhand an den Kopf und ging schließlich getrennter Wege.

Die aus dem Mief von nicht einmal 10 Jahren heraus Katapultierten allerdings schnappten sich kurzerhand einen Großteil der vorrätigen Bücher, ließen die archivierten Infoheftchen zurück und starteten jenseits der den Kiez teilenden Hauptverkehrsstraße ein neues Projekt. Hübsch gestrichen und mit einem unerhörterweise an professionelles Layout erinnernden Ladenschild wurde hier auf die Postautonomen gehofft, die es nur leider nicht so recht gab. Wen es gab, das waren Leute, die früher mal bei den Autonomen rumsprangen, sich dann aber statt für eine kritisch-solidarische Reflektion der eigenen Irrwege in Ecstasy und Rumgeficke ergingen, was in der Nachbetrachtung vermutlich auch nicht die allerschlechteste Idee gewesen sein mag.

Zu Eröffnung dieses neuen Ladens jedenfalls wurde die damalige Creme de la creme der linksradikalen Partyszene geladen, der Tabubruch einer Cocktailbar und das stilistische Wagnis einer aus Schwulenpornos bestehenden Partydekoration begangen und den umliegenden besetzten Häusern die roten Scheinwerfer abgeschwatzt, mit dem aus heutiger Sicht ästhetisch unnachvollziehbaren Ziel, eine gemütliche Atmosphäre schaffen zu wollen. Dass das nicht so richtig funktionierte, sah man schnell am ausufernden Drogenkonsum der Anwesenden. Soff man sich in früheren, weniger oberflächlichen Zeiten die anvisierten Sexualpartner schön, wurde es in den 90ern en vogue, jegliche kopulationstechnischen Vorbehalte durch den Konsum kleiner bunter Tabletten auszuschalten. Die Eröffnung des neuen Infoladens war diesbezüglich ein Meilenstein.

Etwa 150 Menschen feierten fröhlich, beglückwünschten höflich und erkundigten sich beiläufig beieinander, wann wer wo welche Drogen einzunehmen gedenke. Dieses kollektive Rauschbedürfnis führte recht schnell zu Engpässen auf der Toilette – denn das Geschlechtergrenzen quasi beim Kacken sprengende Konzept der Unisex-Klos hatte mensch sich damals im Friedrichshainer Infoladen schon allein aus Gründen des Platzmangels zu eigen gemacht. Dieser Situation geschuldet, entschieden sich mehr und mehr Menschen, ihren Harndrang an den Bäumen und Büschen eines benachbarten Parks zu stillen, jenem Park, der heute einem Castingzoo für zugezogenes Hipsterpack gleicht. Auf der Pisse von damals sonnen sich heute Mandy von MTV und Niklas aus der Werbebranche.

Auch der Autor dieser Zeilen schlug den Weg in die Büsche ein, freudig beseelt von der gelungenen Eröffnung des postautonomen Politikcafes. Er hatte sich mental und im Schritt gerade soweit geöffnet, dass es hätte losgehen können, als sich neben ihm ein flüchtig Bekannter einfand, ein ebenfalls bereits etwas angeschlagener Gast der Feierlichkeit. Dieser junge Mann war anscheinend ebenfalls schon ordentlich berauscht und hatte schon eine ganze Reihe Zurichtung und Beschädigung bezeugender Hemmungen über Bord geworfen, sodass es ihm nicht schwer fiel, mit einem locker-flockigen Griff ins bereits bereithängende Gemächt dem eigentlichen Vorhaben eine leicht skurrile Wendung zu geben. Die Reaktionszeit hatte sich aufgrund der diversen im Blutkreislauf rumpurzelnden Rauschmittel auf gefühlte 5 Minuten erhöht, und so blieb fürs Erste nichts weiter übrig, als mit offenem Mund der Dinge zu harren, die kommen mögen. Auf den wenig später schüchtern vorgetragenen Einwand, man könne nicht, wenn jemand neben einem stehen würde, verschwanden die Hand und die dazugehörige Person, um sich Sekunden später einen Weg durch Büsche und Beine zu bannen und nunmehr in Schritthöhe wieder aufzutauchen. Fasziniert von der ungewohnten Situation und kurz davor, sich einfach in die Hose zu machen, wurde die Entscheidung getroffen, jetzt einfach mal Fünfe gerade sein und den Dingen ihren Lauf zu lassen. So plätscherte es fröhlich drauf los, Augen wurden geschlossen, das leise Gurgeln verlieh dem Park eine idyllische Stimmung und der Moment stand kurz vor dem Umkippen ins Romantische.

Ein jähes Ende fand die spontane Intimität mit einem Rascheln. Zwei nicht gerade für ihre Lockerheit bekannte Antifas waren ebenfalls ihrem natürlichem Bedürfnis gefolgt und fanden sich plötzlich in einer Szene wieder, die den bis dato auf Wut, Trauer und Widerstand reduzierten Horizont der beiden mühelos sprengte und sich vermutlich auf ewig in die Netzhaut brannte. Weiter unten wurde sich verschluckt, es folgte ein peinlicher und von Husten und Würgen untermalter Moment kollektiver Scham, man drehte sich weg und ging seiner Wege. Die Grenze jedenfalls verläuft nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen oben und unten.