Crisco Connection

Aug
07
16

Koksen. Kotzen. Kommunismus war ein irgendwie politisches, eigentlich aber nur eigenwilliges Weblog, das zeitgleich mit der Gründung der Crisco-Connection für beendet erklärt wurde. Nun soll es in Kolumnenform wieder auferstehen. Dieser Text war eigentlich für das Hate-Magazin gedacht, weil sich der Start aber verschiebt, gibt es hier schon mal einen ersten Teil.

Leider war es die RAF.

1992 war ich ein von Hass und aufkommenden Testosteronschüben getriebener junger Mann: meine eher alkoholkritischen und durch jahrelange Neues-Deutschland-Propaganda von den Vorzügen des Drogenkonsums eher unüberzeugten Eltern, der gerade mal durch die zwanzig Minuten in der Jungsumkleidekabine erträgliche Sportunterricht, die Wiedervereinigung, die doofe Steffi aus der Nachbarklasse, die sich dank ihrer Oberweite meine damalige Wichsphantasie unter den rosa lackierten Fingernagel gerissen hatte – all das stand auf meiner persönlichen Abschussliste.
Mein Gang in die Illegalität schien nur noch eine Frage der Zeit.

In diese also eher von negativen Schwingungen, Systemwechseln und Selbstzweifeln bestimmte Zeit platzte die Nachricht von der Schiesserei am Bahnhof von Bad Kleinen: das Mitglied der Roten Armee Fraktion Wolle Grams war rein kulissentechnisch wenig glamourös zwischen Abstellgleis und Bahnhofskiosk bei einem missglückten Festnahmeversuch erschossen worden, ein GSG-9-Beamter hatte sich im Fallen versehentlich mit dem linken Fuß eine seine Laufbahn als staatlich legitimierter Henker vorschnell beendende Kugel verpasst. Ich war empört, sah die faschistische Fratze des damals noch recht neuen großen Deutschlands und strich Steffi fürs erste aus den Top 3 meiner Liste anschlagsrelevanter Ziele.

In einem vermutlich durch die Wirren des großdeutschen Zusammenwachsen ausgelösten Anfall antiimperialistischer Solidarität mit den durch Ostdeutschland streunenden Guerillaresten bestrich ich daraufhin mit einem Chlorreiniger einen schwarzen Kapuzensweater mit der in Runenschrift gemeißelten Message „Rache für Bad Kleinen“, garniert natürlich mit einem zackig fünfzackigen Stern, getragen mit erbittertem Stolz und in dem Wissen um meine absolute Unversöhnlichkeit. Dieses Kleidungsstück brachte mir nicht nur einen Schulverweis und Taschengeldkürzungen, sondern auch ordentlich Dresche von den örtlichen Neonazis ein. Die antisemitische Internationale stand noch nicht und ich fühlte mich in meinem antagonistischen Verhältnis zum Schweinesystem bestätigt.

Plötzlich, heute, 15 Jahre später, erfreut sich dieser Pullover großer Beliebtheit in meinem Bekanntenkreis, insbesondere bei UdK-Studenten, Musikjournalisten und Mitarbeitern angeblicher Intelligenz-Agenturen – dem ganzen durch Studium, Presse und Popkultur verdorbenen Sympathisantensumpf also. Da es sich bei dieser sackähnlichen Waffe gegen Imperialismus und guten Geschmack nicht um ein besonders stylisches Fashion-Accessoire handelt, erklärt sich mir die Begeisterung nur mit den im Oktober zelebrierten Weinerlichkeiten anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der 30 Jahre überfälligen Erschießung des SS-Arisierers und bundesdeutschen Wirtschaftswunders Hanns-Martin Schleyer. Während seine Witwe penetrant Reue von im Knast unzurechnungsfähig isolierten Ex-Guerilleros fordert (und diese Reue den tschechischen Opfern des Wirkens ihres Schreibtischkillergatten kein einziges Mal angedeihen ließ), die Mediennutte Peter-Jürgen Boock die Knarre gegen den denunzierenden Zeigefinger tauscht und irgendwelche Pfaffen gar ein religiöses Bekenntnis der rundum Gottlosen als Grundvoraussetzung für Gnade und Resozialisierung fordern, stellt sich für den Autor die Frage, ob der erwartete Ebay-Erlös aus dem angedachten Internetverkaufs des RAF-Pullis eher für den Erwerb von Kokain oder Ketamin verwendet wird. Angesichts der Lage: Keine einfache Entscheidung.

So sichert der Kokaanbau Millionen von seit fast ebenso vielen Jahren ausgebeuteten Indios ihren Lebensunterhalt und spült Geld in die Kassen der sich gegen die drohende US-amerikanische Weltherrschaft auflehnenden Todesschwadronen und Kidnappingclubs mit Che-Guevara-Fahnen, gilt aber in der westlichen Hemisphäre als Funktionsdroge, die ihre Nutzer zu abhängigen, gefühllosen Rädchen im Getriebe des großen falschen Ganzen macht.

Ketamin hingegen verlangsamt und widerspricht dadurch der immer aggressiver in die Gesellschaft getragenen Forderung zu rennen, zu rackern, zu rasen. Es öffnet Welten, erweitert mitunter – insofern vorhanden – das Bewusstsein und hat nicht das unschöne Image der mit Abhängigkeit verbundenen Straßenkriminalität. Doch wie sexy ist eine Droge, die unter Aufsicht der Bundesregierung hergestellt wird?

Gestresst durch das sich einstellende Dilemma entschied ich mich – ganz gegen meine Natur – den Pullover nicht zu verkaufen und so den Tausch eines Relikts meiner Vergangenheit gegen einen kurzen Moment des Rausches nicht stattfinden zu lassen. Der Gedanke, eines Tages auf der Straße einem in meinen Ausdruck der Ablehnung gekleideten Hellersdorfer Jungpunker oder – schlimmer – palituchgewandelten Mitte-Fashion-Arschlochs zu begegnen, der von Bad Kleinen oder bundesdeutschen Wirtschaftsführern mit SS-Vergangenheit nichts weiß, aber die Runen so geil fand; dieser Gedanke hinderte mich letztendlich, dieses Unikat zu veräußern. Und so bleibt mir fürs erste nur, mich mit bezahlbaren Pillen und Wodka zu vergnügen. Denn ohne Betäubung geht gar nichts. Seit damals, 1992.