Crisco Connection

Jun
08
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Sobald es wärmer wird, liegt die ganze Stadt im Bett und reibt Geschlechtsteile wund: Auf dem Trottoir aalen sich Rotzlöffel in der Sonne ihres verkommenen Lebens, Studenten schieben den Maulaffen vors Kaffee und auf dem Spielplatz kippen Väter Dosenbier, während sich die Kleinen Sand in die Socken stopfen. Tom würde jetzt gerne nach shoppenden Tourischnepfenärschen schielen, auf den Beginn der Checker-Saison im Park prosten oder sich an anderen knuddeligen Frühlingsdingen erfreuen, aber Tom ist unpässlich. Völlig mittellos und ausserdem nervt der dicke Pickel auf seiner Stirn: „Du hast ja einen winzigen Penis! Da würde ich auch Frust schieben, am besten du drückst mich jetzt erst mal gründlich aus.“ Aber Tom drückt lieber seine Eier und trinkt Bier, dann versucht er sich auf die Fantasie mit den blonden Zwillingen einzugrooven, aber sein Schwanz bleibt halbsteif und er bekommt schwitzige Füsse. Tom starrt ein bisschen auf die Rauhfasertapete und wackelt mit seinen kalten, abtörnend glibschigen Fusssohlen, der Pickel glüht, nässt und keift: „Quetsch mir den gelben Saft raus, du kleines Luder!“ Tom ruft lieber mal den Arzt an, der ihn mit Testeron-Schlecks versorgt: „Ich habe da einen Knochenschüttler in den Füssen, von dem muss ich dauernd zwischen den Zehen schwitzen, ganz schlimm wird es, wenn ich meinen Schwanz in die Hand nehme.“ Tom wird umgehend ins Krankenhaus einbestellt: „Du hast Raver-Nephrolithen, vulgo Nierensteine, was grossartig ist! Die Kristalle in deiner Harnröhre sind eine pharmakologische Rarität, können Krebs heilen, aber man kann sie auch Hacken und Sniffen, ich kenne Russen, die zahlen dafür bar aus dem Koffer.“ Die Urologie- Notaufnahme ist der Stolz des Gesundheitsbehörde, grosszügige Stahlverkleidungen an Wand und Boden, ein sündhaft exquisites belgisches Lichtdesign und Massagestühle im Aufenthaltsraum des Personals. Toms Doktor trägt heute die Nip/Tuck-Kollektion und spritzt gerade zwei Liter Kochsalzlösung in den Sack von einem Horst, der für das Shooting der Fetisch-Kampagne der Berliner Stadtreinigung von einer Masken-Maus orange angepinselt wird: „Schwester Angelika wird deine Nephrolithen gleich mal mit dem Stosswellengenerator zertrümmern, dann verpasst sie dir noch einen Magenbeschleuniger und Ratz-Fatz pisst du die Krümel raus!“ Tom strullt violett schimmernde Kristalle ins Sieb, Schwester Angelika bedient den Elektro-Mörser, der orange Horst mit dem aufgeblasenen Sack legt Lines und die Masken-Maus reicht ein Stahlröhrchen herum. Sechs Stunden später hat Tom Probleme mit dem Sprechen und beim Gehen, zudem ist sein Vertrauen ins Gesundheitssystem massiv erschüttert: „Das Pay-TV-Programm ist mies, die Minibar total zugeschissen, jemand hat die Wände in obszönen Mustern mit Erbrochenem beschmiert, die Massagestühle sind abgebrannt, und ausserdem ist dahinten ein Loch im Boden, in dem ein sabberndes, oranges Tier steckt.“

(Anton Waldt)