Crisco Connection

Nov
04


Im philanthrophischen Glauben an die prinzipielle Möglichkeit der freien Entfaltung eines Jeden in einer Assoziation der freien Menschen, im Wissen um die Beschränktheit dieser Möglichkeit und die Beschädigungen Aller entziehe ich folgenden Menschen das Wort: Stefan Sihler, Sprecher einer Gemeinschaft aus 12 Mediaspree-Investoren. Weil es ihm nicht einmal im Ansatz peinlich ist, Profitinteressen vor Bürgerbegehren zu stellen. Charlotte Roche. Weil die Emanzipation der Frau von bürgerlicher Sexualmoral und anerzogener Körperfeindlichkeit nicht über die größtmögliche Vulgarität erreicht wird. Friedrich Thießen, Professor für Finanzen an der Technischen Universität Chemnitz, der der wie bestellt wirkenden Meinung ist, 132 Euro Hartz4 würden zum Leben völlig ausreichen - dabei kostet ein guter Cocktail schon 10 Euro. Der Hamburger Rechtsanwaltskanzlei Rasch, die mit standardisierten Abmahnbriefen wegen angeblicher illegaler Downloads von sich reden machte. Denn eigentlich gehört den Herren mal ordentlich eine runtergeladen. Guido Knopp. Denn irgendwann reicht es auch. Der Morgenpostangestellten Tina Molin, weil ihre „Reportagen aus dem Nachtleben” selbst dem diesem Dienst seinen Namen gebenden Bären peinlich wären. Dietmar Dath. Weil ich nicht die Zeit habe, all seine klugen Gedanken zu lesen. Benjamin von Stuckrad-Barre. Weil seinen Arsch ins Trockene zu hieven nicht gleich mit total selbstreflexiver Läuterung übersetzt werden muss. Westberliner Gossenrappern: Weil man mit gesellschaftlichen Bedingungen, Rassismus und Ausgrenzungserfahrungen vielleicht die intellektuellen Tiefen von DJ Assault und der 2LiveCrew erklären kann, die Sexualneurosen idiotischer Mittelstandsprovokateure jedoch nicht. Oskar Lafontaine. Weil die Linke nicht noch konservativer werden sollte als sie es bedauerlicherweise eh schon ist. Batman. Weil sowohl Ironman als auch Buffy einfach die cooleren Säue sind. Heidi Klum. Weil Multikulti-Ehe und McDonalds-Vertrag noch lange keinen Omnipräsenzanspruch ableiten. Richie Hawtin. Denn wenn Vinyl a pain in the ass ist, ist M_nus a pain in the brain. Sonya Kraus. Weil dumm + laut die von allen schlimmste Kombination ist. Xavier Naidoo. Denn Religion gehört nicht popularisiert. Auch nicht bekifft. Scientology-Chef Dalai Lama. Weil er Gestalten wie Herrn Naidoo erst möglich macht. Und weil Orange gar nicht geht. Beckmann, Kerner, Anne Will. Weil das öffentliche Mimen einer inhaltlichen Auseinandersetzung – mit egal was – noch lange keine ist. Fußballspielern, Fußballtrainern, Fußballfans. Schweigen ist eben Goldpokal. Rosenstolz. Denn wer des Bürgermeisters Lieblingsband ist, nun wirklich alles erreicht hat. Den Fernsehkomikern unserer Zeit. Ausnahmslos. Und völlig ohne Begründung. TV-Richtern. Regierungs- und Oppositionspolitikern. Experten und Ohrenzeugen. Volksmusikanten und „Hat hier wer noch Teile?”-Ravern. Zu guter letzt natürlich mir. Denn ich beginne, zum Jakobiner zu werden.

Veröffentlicht im Berghain-Flyer 11/08

Oct
31

At Cité de la Musique, Paris, France 18.10.2008

Oct
30

Oct
17

Die erste Single-Auskopplung aus dem neuen Egotronic-Album.

Oct
05



Wallpaper Number One
von Shannon Wright. Und das meint der Künstler dazu: “This wallpaper depicts exuberantly healthy human urinary tracts.”

Sep
29

Keta Minelli feiert einen runden Geburtstag (Spekulationen sind hier völlig fehl am Platz) und gibt sich deswegen nochmal richtig die Kante, bevor es Richtung Eigenheimfinanzierung und künstliches Hüftgelenk geht. Sowohl Freunde als auch völlig unbekannte, aber sicher nicht minder begabte Künstler spielen alles mögliche (also Techno). Mit dabei: Sven Dohse (Paloma Rec./ Klangsucht), Sachwitz & Wetzel (Contentismissing/ Mind the Crap), Hof Gutow [Klangsucht], Martin Zadak & Kotelett [White], Sportbrigade Sparwasser [FFO], Abonné [OPSMini] LIVE, Didier de la boutique [Tonkind], Edgar Peng [Tonkind], H.Schacht [Samuvar], Herr Suess & Herr Sauer [Bauer sucht Frau], Marille, Mohammed Atari, Notorisch & Motorisch.

Stattfinden wird das ganze ab dem 11.10. im Ballhaus Ost (Pappelallee 15, Berlin-Prenzlauer Berg), Einlass ist ab 23 Uhr.

Sep
29

Eine objektiv bisher kaum betrachtete Tragödie findet allnächtlich vor den Türen der von irgendwem bzw. allen für gut befundenen Clubs statt. Rund um die Welt enden die Abwechslung vom Alltag versprechenden Ausflüge ins Nachtleben, noch bevor sie begonnen haben, wenn die unschön präzise Selektion genannte Arbeit der Türsteher in Drinnen und Draußen teilt und der bereits durch diverse Trennungen und Ausschlüsse durchzogenen Gesellschaft eine weitere hinzufügt. Die fast schon Naturhaftigkeit einer größeren und um Einlass bittenden Ansammlung von Menschen, die zu einem jeden besseren Technolokal gehört, lohnt, ein wenig genauer betrachtet zu werden.

Der erste Hormonschub, dem in Nacht und im Idealfall weitere, selten günstigere folgen, durchflutet die Hirne der die Türschwelle Überschreitenden schon in dem Moment, in dem ihnen durch Geste oder Ansprache signalisiert wird, dass sie nicht zu den Unglücklichen gehören werden, die es leider nicht am Auge der Eintrittsinstanz vorbeigeschafft haben. Das Adrenalin – Bin ich zu betrunken? Habe ich die falschen Schuhe an? Ist meine Begleitung zu jung? – weicht anderen, entspannteren bio-chemischen Prozessen und schafft so zumindest die Voraussetzungen für einen gelungenen Abend oder Morgen oder Nachmittag. Der Kitzel der Ungewissheit, das Wissen, dem Damoklesschwert des Abgewiesenwerdens entgangen zu sein, weicht einer der Identifikation mit dem Club dienenden dankbaren Verbundenheit mit dem Personal.

Dabei entsteht das absurd scheinende Paradox, dass die beste Tür eben keine einschätzbare, sondern im wahrsten Sinne des Wortes willkürliche ist. Natürlich spielen Prüfsteine wie Trunkenheitsgrad, Veranstaltervorgaben bezüglich der Zielgruppe oder hoffentlich das Tragen von Thor-Steinar-Klamotten eine Rolle bei der Auswahl der idealen Gästekombination, verbindliches Wissen ist dies jedoch nicht. Die Verknappung der Güter, also in diesem Falle des gewährten Einlasses, führt zu einer gesteigerten Attraktivität eines jeden Clubs. Berechenbarkeit ist Silber, allgemeine Kenntnis der Einlasskriterien nicht viel mehr wert als der Aluminiumverschluss notärztlicher Medikamentenampullen. So wird das gemeinsame, kollektive Bibbern in der Schlange zu einem sozialen Event, die darin Stehenden zu einer Schicksalsgemeinschaft des Begehrens. Logische Folge: Wem die Macht zukommt, den auf Gedeih und Verderb Ausgelieferten schöne Stunden oder einen peinlichen Abgang zu bescheren, der findet sich über kurz oder lang auf den Fotoseiten bescheuerter Berlinillustrierten wieder, muss auf die ewig gleichen Fragen nach Philosophie des Berufs oder bürgerlichem Zweitleben mit dem ewig gleichen Antworten Distanz schaffen und so die Fortsetzung der Türsteherkompetenz mit anderen Mitteln betreiben.

Festzuhalten bleibt: Schon schöne Dinge sind passiert, während die Jugend ihre Zeit verschwendet, um endlich auf höherem Niveau, also jenseits der Tür, ihre Zeit verschwenden zu dürfen. Freundschaften wurden geschlossen, Liebschaften begonnen, neue Wörter gelernt, Flaschen geleert. Und wenn man dann endlich begriffen hat, dass Fleisch geduldig und Zeit relativ ist, dann ist auch die ein oder andere beim Anstehen verbrachte Stunde plötzlich zu quality time geworden.

(Veröffentlicht im Berghainflyer 10/08)

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